«Tiefenlager ist Teamsport»

Ein Gespräch mit dem Bergingenieur Thomas Lautsch über Betriebssicherheit, Kultur und Umsetzung.

10
.
03
.
2026
«Tiefenlager ist Teamsport»
«Tiefenlager ist Teamsport»

Thomas Lautsch war Geschäftsführer der deutschen Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) und hat jahrzehntelange Erfahrung im Untertagebau und in der Führung grosser Organisationen.

 

Thomas, wer bist du, und was ist dein Background? Ich bin Grossvater, Vater, Motorradfahrer, Lebenspartner – und Bergingenieur. Beruflich habe ich oft gewechselt, war in verschiedenen Ländern und Märkten unterwegs. In den letzten Jahren war ich in der deutschen Endlagerbranche tätig, als Geschäftsführer der BGE*.

Ich möchte alles, was ich bis heute gelernt habe, hier noch einmal anwenden – vielleicht als letzte Station meiner Laufbahn. Und das ist auch mein Beitrag bei der Nagra: Ich sage vor allem, was man aus dem deutschen Tiefenlager-Programm lernen kann, im Guten wie im Schlechten.

Thomas Lautsch

war Geschäftsführer der deutschen *Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) und hat jahrzehntelange Erfahrung im Untertagebau und in der Führung grosser Organisationen. Heute unterstützt er die Nagra als Berater.

Er lebt mit seiner Partnerin im Ruhrgebiet, hat drei Kinder und vier Enkelkinder. Er mag als Hobby alles, was draussen ist: Skifahren, Wandern, Motorrad fahren.

Welche Erfahrungen bringst du konkret mit, die zum jetzigen Zeitpunkt besonders nützlich für die Nagra sind? Auf der organisatorischen und menschlichen Seite ist es für mich zentral, Zusammenarbeit zu fördern: im Team zu arbeiten, auf ein gemeinsames Ziel hin.

Menschen für etwas zu begeistern, ist unabhängig vom Inhalt wichtig. Auch die Form zählt: Man muss gerne und mit Energie an etwas arbeiten – dann wird es gut. Und dieses «gerne machen» funktioniert am besten im Team. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wenn Zusammenarbeit gut organisiert ist – mit Vernetzungs- und Projektstrukturen – gelingt es besser. Dazu möchte ich beitragen. Das hat mich auch bei der BGE stark geprägt.

Woher kommt diese starke Team-Orientierung? Das kommt auch aus meiner eigenen Laufbahn. Ich komme aus dem Ruhrgebiet, aus dem Untertagebereich. Ich war 13 Jahre unter Tage vor Ort. Und da kommt es auf den Kumpel an. Diese Kumpelkultur – dass man nichts alleine machen kann, sondern nur zusammen – ist eine sehr wichtige Erkenntnis. Und sie gilt genauso für die Entwicklung eines Endlagers.

Und fachlich: Wo möchtest du dich besonders einbringen? Vor allem beim Betrieblichen. Ich glaube, Betriebssicherheit wird in der Endlagerbranche manchmal unterschätzt. Wenn man es nüchtern betrachtet: Das Gefährlichste ist, das Endlager zu bauen. Das Zweitgefährlichste ist, es zu betreiben. Betriebs- und Baustellensicherheit sind ganz, ganz wichtig. Dafür braucht es robuste technische Lösungen.

Was heisst «robust» aus deiner Sicht? Prozesse und Maschinen müssen so robust sein, dass sie fehlertolerant sind. Dass das Gesamtsystem Endlager so sicher ist, dass Fehler nicht sofort zu einem Unfall führen. Und beim Umgang mit radioaktiven Abfallgebinden braucht es Fernsteuerung, automatische und auch autonome Prozesse – damit sich kein Mensch Strahlung aussetzen muss.

Am Ende sind es zwei Dinge: Erstens muss in allen Köpfen verankert sein: Ich will gesund nach Hause kommen – und gesund in Rente gehen. Zweitens muss man das mit Technik und Prozessen unterstützen.

«Man muss gerne und mit Energie an etwas arbeiten – dann wird es gut.»
«Man muss gerne und mit Energie an etwas arbeiten – dann wird es gut.»

Gab es Situationen in deinem Berufsleben, die dich in dieser Haltung besonders geprägt haben? Beim Schachtbau am Endlager Konrad hatten wir einen sehr schweren Unfall. Der hatte damit zu tun, dass beim Manipulieren schwerer Lasten im Schacht nicht alle Regeln beachtet wurden. Der Schacht ist beengt, er ist ein Sonderbauwerk. Es gibt keine Routine. Deshalb ist die Lernkurve steil: Augen auf beim Schachtbau!

Und ja, das klingt nach Führungshandbuch. Aber es ist in der Praxis schwer umzusetzen, weil wir oft dazu neigen, Schuldige zu suchen. Das bringt uns jedoch selten weiter. Entscheidend ist, aus Fehlern zu lernen und Bedingungen zu schaffen, in denen Risiken früh sichtbar werden.

Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für deinen Wechsel zur Nagra? Da war auch Zufall dabei. Mein Vertrag in Deutschland war zu Ende, ich wollte weiterarbeiten, habe mich umgeschaut. Und bei der Nagra hat sich eine gute Möglichkeit ergeben. Gleichzeitig passt es zum Stand unseres Jahrhundertprojektes: Ich habe die letzten 40 Jahre viel mit dem Betrieb von Bergwerken zu tun gehabt, weniger mit Langzeitsicherheit. Und ich glaube, genau jetzt ist diese Erfahrung in der Organisation besonders hilfreich. Vor zehn Jahren hätte ich hier vermutlich nicht gewusst, was ich beitragen soll.

Was sind die wichtigsten Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem deutschen und dem Schweizer Tiefenlagerprozess? Ein wesentlicher Unterschied ist die Stellung im Lebenszyklus: Die Schweiz ist noch nicht im Bau wie Konrad – und schon gar nicht in der Schliessung wie Asse oder Gorleben. Daneben gibt es Unterschiede bei der Regulierung, Behörden und Regelwerken. Und es gibt Unterschiede in der Unternehmenskultur – teilweise sicher auch geprägt von der jeweiligen nationalen Kultur.

Was mich bei der Nagra beeindruckt hat, ist die Kultur des freundlichen, zugewandten Umgangs. Wie ich und andere neue Mitarbeitende hier begrüsst werden – Frühstück, kleine Willkommensgeschenke, ein Brief nach Hause – das sind Kleinigkeiten. Aber man nimmt sie wahr. Und sie sind wichtig.

Wenn man in eine neue Phase geht: Was braucht es für Planung und Umsetzung von Terradura? Es braucht eine bestimmte Haltung der Menschen, ähnlich wie bei der Arbeitssicherheit. Zielorientierung, Lösungsorientierung, Professionalität. Auf den Punkt kommen – und fertig werden. Das müssen Werte werden. Das ist die mentale Grundlage für erfolgreiche Realisierung.

Fachlich heisst es: Best Practice und Professionalität konsequent nach vorne stellen, und das intern und auch gemeinsam mit externen Partnern leben.

Du kommst aus dem Bergbau. Was ist der Unterschied zwischen einem Bergwerk und einem Tiefenlager? Ein Bergwerk holt grosse Mengen Material heraus, Kohle, Salz oder Erz. Ein Tiefenlager macht vergleichsweise wenige, kleinere Tunnel, in die Abfallgebinde eingebracht werden. Das ist viel kleinvolumiger – und damit auch weniger invasiv fürs Gebirge. Genau das ist ein Ziel: Die geologische Barriere möglichst intakt zu lassen.

Im Bergwerk entstehen durch den Massenabbau deutlich mehr Bewegungen und geotechnische Effekte im Nahbereich. Das hat man im Endlager so nicht, es ist eher ein statisches System. Aber: Strahlung ist ein spezieller Faktor. Deshalb sind Robustheit und Störfallsicherheit im Endlager sogar noch bedeutender als im Bergwerk.

Du bist seit einem halben Jahr hier – mit deinem Aussenblick: Wo siehst du die Nagra im Prozess? Die Nagra kommt aus Jahrzehnten wissenschaftlicher Arbeit am tiefen Untergrund und an der Langzeitsicherheit. In den nächsten Jahren müssen und wollen wir uns weiterentwickeln: hin zu einer Organisation, die das technische Bauwerk geologisches Tiefenlager versteht und Betriebssicherheit konsequent in den Vordergrund stellt. Das ist spannend. Die Nagra verändert sich.

Du warst Chef von 2'000 Leuten, jetzt bist du Berater und «Chef von null». Wie ist das für dich? Ich geniesse das. Junge Leute zu fördern, habe ich immer gerne gemacht. Ich finde: Wer älter wird, hat die Aufgabe, Wissen weiterzugeben. Ich hatte in meinem Leben viele Förderer. Ohne die wäre ich nicht so weit gekommen. Es wäre sehr befriedigend, wenn man selbst auch als Förderer wahrgenommen wird.

Ist es auch ein Stück weit befreiend, Verantwortung abzugeben? Ich habe als Verantwortungsträger in der Regel gut geschlafen. Ich kann mit Verantwortung umgehen. Doch es gab auch schwierige Phasen. Ich hatte in meinem Berufsleben mehrere tödliche Unfälle im näheren Umfeld. Das ist enorm belastend. Arbeitssicherheit ist die höchste Verantwortung, wenn man Baustellen oder Betriebe verantwortet. Trotzdem: Es war mir nicht «unangenehm», Verantwortung zu tragen. Es ist einfach ein anderes Leben. Alles zu seiner Zeit.

«Hochprofessionell. Sicher. Bauen.»

Thomas Lautsch, Bergbauingenieur und Berater der Nagra

Gibt es noch etwas, was du der Nagra und ihren Mitarbeitenden mitgeben möchtest? Respekt ist die Grundlage für Projekterfolg. Die Langzeit-Sicherheitsleute müssen Respekt vor den Betriebsleuten haben – und umgekehrt. Wissenschaftler müssen Respekt vor Ingenieuren haben – und umgekehrt. Da gibt es kein «wichtiger» oder «unwichtiger». Das geht nur gemeinsam. Ein Tiefenlager ist Teamsport.

Jahrhundertprojekt
Menschen

Das könnte dich auch interessieren

Wir leben Transparenz. Hier findest du die neuesten Entwicklungen und Informationen zum Jahrhundertprojekt.

Nagra News – Juni 2026

Wann muss Atommüll ins Tiefenlager und wann reicht eine Deponie? • 30 Jahre Tonforschung • Der Fels, der sich selbst heilt

29
.
05
.
2026

30 Jahre Forschung – für hunderttausende Jahre Sicherheit

Seit 1996 wird im Felslabor Mont Terri am Opalinuston geforscht. Das Tongestein ist der Schlüssel zur Langzeitsicherheit des Schweizer Tiefenlagers.

28
.
05
.
2026