Der Fels, der sich selbst heilt
Er ist weich, unscheinbar und zum Bauen anspruchsvoll – und dennoch ist der Opalinuston der Kandidat, in dem ein Tiefenlager für radioaktive Abfälle entstehen soll. Ein erster Besuch im Felslabor Mont Terri.
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«Bei Alarm ruhig bleiben.» Ein Satz kurz bevor es losgeht, klingt dramatischer als alles, was danach kommt.
Zuerst gibt es Helm, Leuchtweste und Ortungsgerät, damit niemand verloren geht. Der Helm ist zu gross. Die Weste sitzt wie ein Kartoffelsack. Es sieht alles eher nach schlechter Baustellen-Comedy aus als nach wissenschaftlicher Präzision. Aber das ändert sich schnell, als die Motoren starten und die Autos langsam in den Berg hineinfahren.
Über mich
Ich bin Michèle Vaterlaus und arbeite seit Mai 2026 als Kommunikationsspezialistin bei der Nagra. Die Arbeit mit anspruchsvollen und komplexen Themen finde ich besonders spannend, da sie eine klare und sorgfältige Kommunikation erfordert. Genau das macht die Nagra für mich besonders interessant.
Wo bleibt die Ehrfurcht?
Es ist mein erster Besuch in einem Felslabor – und damit auch der erste direkte Einblick in die Forschung rund um das geplante Tiefenlager für radioaktive Abfälle in der Schweiz. Und so erwarte ich in Mont Terri etwas Spektakuläres. Ein tief im Innern des Berges verborgenes Mysterium, geheimnisvolle Stollen.
Doch ganz ehrlich: Mitten im Berg, 300 Meter unter der Oberfläche wirkt vieles erstaunlich normal.
Nichts als ein Autobahntunnel?
Der Stollen erinnert an einen Autobahntunnel. Kunstlicht. Beton. Fahrzeuge. Menschen bei der Arbeit. An manchen Stellen ist der Fels mit Sichtbeton gesichert, Kabel verlaufen an den Wänden, irgendwo surrt Technik.
Vielleicht ist aber genau das das Faszinierende: Der eigentliche Held hier unten ist unscheinbar, arbeitet still, aber übernimmt eine zentrale Aufgabe. Der Opalinuston.

Ein Urgestein als Hoffnungsträger
Der Opalinuston ist ein graubrauner Stein, rund 175 Millionen Jahre alt, älter als die Alpen. Nicht besonders schön. Nicht besonders hart. Zum Bauen anspruchsvoll, weil er sich verformt und bröckelt.
Und doch soll er das übernehmen, was kein technisches System allein leisten kann: die sichere Isolation radioaktiver Abfälle über Hunderttausende Jahre – als geologische Barriere im Untergrund. Der Opalinuston ist sehr dicht und kann Stoffe über sehr lange Zeit einschliessen. Und er kann sich gewissermassen selbst heilen, falls einmal ein Riss entsteht.
Dringt Wasser ein, quillt der Opalinuston auf und dichtet kleinste Risse ab. Last but not least: Im Opalinuston bleiben radioaktive Teile gewissermassen kleben, was ein zusätzlicher Schutzmechanismus ist.
Diese Fähigkeiten sind nur ein paar Gründe, weshalb hier im Felslabor Mont Terri seit 30 Jahren geforscht wird – mit Universitäten und Instituten aus verschiedenen Ländern.
Plötzlich wird es warm
Unter Tage verliert man schnell das Gefühl für draussen. Kein Tageslicht. Kein Handyempfang. Kein Wind. Die Luft riecht schwer und mineralisch. Nicht stinkig, aber dicht. Es ist konstant 13 Grad.
Bis es plötzlich wärmer wird. Hier testen Forschende, wie der Opalinuston auf Hitze reagiert. Denn radioaktive Abfälle geben Wärme ab. Das Gestein muss deshalb auch funktionieren, wenn es heiss wird, trockener, vielleicht sogar bröckliger.
Faszinierend unspektakulär
Nach rund einer Stunde geht es zurück ins Freie. Regen statt Bergstollen. Und das Gefühl, etwas Besonderes gesehen zu haben, das auf den ersten Blick überhaupt nicht besonders wirkt: ein Gestein, das sich selbst heilen kann, so dass es das Tiefenlager und irgendwann auch uns schützt.
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