Zusammenfassung
Im Konzeptbericht der Nagra von 1978 «Die nukleare Entsorgung in der
Schweiz» wurden die Anforderungen an die Endlagerung radioaktiver
Abfälle dargestellt. Ferner wurden die in der Schweiz als Wirtgestein
in Betracht zu ziehenden geologischen Formationen generell beschrieben
und bewertet.
In der Zwischenzeit wurde in
erster Priorität das Untersuchungsprogramm zur Endlagerung hochaktiven
Abfalls vorangetrieben.
Dieses hat die Erforschung des kristallinen Grundgebirges in der
N-Schweiz mittels einer Reihe von Tiefbohrungen sowie geophysikalischen
Messungen und hydrogeologischen Untersuchungen zum Ziel.
Bedeutende
Fortschritte verzeichnet auch das Untersuchungsprogramm zur Endlagerung
schwach- und mittelaktiver Abfälle. Ingenieurtechnische Projektstudien
haben mögliche Methoden zum Bau und Betrieb eines Endlagers aufgezeigt
und die technischen Bedingungen in Abhängigkeit von den verschiedenen
Wirtgesteinstypen definiert. Parallel zu diesen Ingenieurstudien wurden
publizierte geologische Karten und Profile, ältere Sondierungen und
Literaturstudien ausgewertet, um ein Inventar der in der Schweiz für
die Aufnahme eines Endlagers für schwach- und mittelaktive Abfälle sich
anbietenden Wirtgesteine aufzustellen. Die Resultate dieser
geologischen Analysen sind im vorliegenden Bericht dargestellt.
Aufgrund geologischer und
technischer Anforderungen konnten gegen einhundert potentielle
Standortgebiete für ein Endlager für schwach- und mittelaktive Abfälle
identifiziert werden. Aus geologischer Sicht bieten sich demzufolge
eine Vielzahl von Standortgebieten an, die eingehende geologische
Untersuchungen verdienen. In einern Bewertungsverfahren sind zwanzig
potentielle Standortgebiete ausgewählt und näher beschrieben worden,
welche für weitere Abklärungen im Vordergrund stehen.
In absehbarer Zeit wird nur
ein Endlager für schwach- und mittelaktive Abfälle in der Schweiz
bereitzustellen sein. Dazu sollen an einer beschränkten Anzahl von
Standortgebieten geologische Standortuntersuchungen wie
Sondierbohrungen und Sondierstollen ausgeführt werden. Diese
Standortgebiete sind heute noch nicht festgelegt. Zur weiteren
Einengung der im Bericht aufgezeigten Möglichkeiten potentieller
Standortgebiete sind vorerst zusätzliche Entscheidungsunterlagen zu
erarbeiten. Der Bericht ist ein wichtiger Markstein auf dem Weg der
Nagra zur Erarbeitung konkreter Endlagerprojekte einerseits und dem
geforderten Entsorgungsnachweis radioaktiver Abfälle andererseits.
Band I beschreibt nach einer
Einführung in den behandelten Problemkreis in einern ersten Kapitel die
Annahmen über die zu erreichenden Einschlusszeiten und die daraus
abgeleitete Charakterisierung der schwach- und mittelaktiven Abfälle
sowie die Mengen, welche in einem Endlager beseitigt werden müssen.
Ausgehend vom bis heute
bekannt gewordenen Programm der Elektrizitätswirtschaft zur friedlichen
Nutzung der Kernenergie in der Schweiz, welches 6000 MW installierte
elektrische Leistung in Betracht zieht, und einschliesslich der
radioaktiven Abfälle aus Medizin, Industrie und Forschung ist über
einen Zeitraum von ca. 60 Jahren mit einem Anfall von ca. 60'000 m3
schwach-und mittelaktiven Abfällen zu rechnen. In dieser Gesamtmenge
werden allerhöchstens 2 Tonnen radioaktiver Stoffe enthalten sein,
welche für die Dauer von 600 – 1000 Jahren von der Biosphäre
abzuschliessen sind.
Der gesetzliche Rahmen für
die Endlagerung radioaktiver Abfälle, insbesondere die
Bewilligungsverfahren für Bau und Betrieb von Endlagern sowie von
geologischen Voruntersuchungen an potentiellen Lagerstandorten wird in
einem weiteren Kapitel dargelegt.
Im weiteren wird auf die
Terminpläne hingewiesen, welche für die Mitte der 90er Jahre die
Inbetriebnahme eines Endlagers für schwach- und mittelaktive Abfälle
vorsehen.
Das technische Konzept der
Nagra für dieses Endlager beruht auf dem Bau unterirdischer Anlagen mit
einer Felsüberdeckung von mindestens 100 m. Die Lagerzone wird aus
einem System von Kavernen oder Stollen bestehen. Als
Einlagerungseinheit sind hauptsächlich 200 l Fässer vorgesehen. Nach
Abschluss der Einlagerung werden die Zugänge verfüllt und versiegelt.
Ein weiteres Kapitel
behandelt die allgemeinen Anforderungen an den Endlagerstandort. Gemäss
dem zu erwartenden Abfallvolumen wird im Wirtgestein für ein Endlager
eine Fläche von mindestens 0.5 km2 benötigt.
Der Einfluss eines Endlagers
auf Gesellschaft und Umwelt und die zu treffenden Massnahmen zum
Schutze von Landschaft, Wasserhaushalt, Bodenschätzen usw. werden
eingehend besprochen.
Fragen im Zusammenhang mit
bestehenden Grundeigentumsverhältnissen, der Schaffung von
Arbeitsplätzen und der Entschädigung für die einer Standortgemeinde
durch ein Endlager erwachsenden Belastungen werden ebenfalls
angeschnitten.
Der Hauptteil des 1. Bandes
befasst sich mit den geologischen Aspekten der Endlagerung schwach- und
mittelaktiver Abfälle und dem Vorgehen zur Auswahl von
Standortgebieten.
Im Kapitel «Geologische
Formationen als Schutzbarrieren» wird das Mehrfachbarrierenprinzip
erläutert, welches weltweit den Endlagerkonzepten zugrunde liegt. Die
Anforderungen an ein Wirtgestein werden definiert. Dabei wird darauf
hingewiesen, dass die Barrierenwirkung von geologischen Formationen
stets unter dem Gesichtswinkel des gegebenen standortspezifischen
geologischen Systems beurteilt werden muss.
Dieses Kapitel bespricht auch
die Prognostizierbarkeit der in den nächsten 1000 Jahren zu erwartenden
geologischen Prozesse, wie Erdbeben, Gletschererosion und
Klimaschwankungen, welche zur Freisetzung von Radioaktivität aus einem
unterirdischen Endlager führen könnten. Aufgrund der kleinen
Eintretenswahrscheinlichkeit und ihrer sehr geringen Auswirkungen
bedeuten diese Prozesse bei geeigneter Standortwahl in dieser
Zeitspanne kaum ein ins Gewicht fallendes Risiko für die Sicherheit
eines unterirdischen Endlagers.
Relativ breiten Raum nimmt im
Bericht die Beschreibung der möglichen Wirtgesteine in der Schweiz ein.
Für die Aufnahme eines Endlagers kommen unter den wasserundurchlässigen
und gering durchlässigen Formationen aufgrund geologischer
Ueberlegungen Tonformationen im Jura, Anhydritvorkommen im Jura und in
den Alpen, alpine Mergel und Tongesteine und kristalline Gesteine im
Untergrund des Tafeljuras und in den Alpen in Frage. Dazu besteht
sowohl im Jura als auch in den Alpen eine Vielzahl von Möglichkeiten
zum Bau trockener Kavernenanlagen in Kalken und Sandsteinen über dem
Grundwasserspiegel, welche durch eine wasserundurchlässige
Schutzschicht abgeschirmt werden.
In den einzelnen
Wirtgesteinsgruppen wurden 100 Standortgebiete auf ihre mögliche
Eignung zur Aufnahme eines Endlagers für schwach und mittelaktive
Abfälle geprüft. Diesem Zwecke dient das im Bericht erläuterte System
zur Bewertung geologischer Faktoren, das auch die Prognostizierbarkeit
der heutigen geologischen und hydrogeologischen Verhältnisse sowie der
zukünftigen geologischen Veränderungen einschliesst. Zusätzliche
nicht-geologische Faktoren, wie Naturzschutzbelange,
Ueberflutungsgefahr, bergrechtliche Aspekte etc. wurden aufgeführt aber
nicht gewertet. Sie werden in einer späteren Phase des Auswahlprozesses
zu berücksichtigen sein.
Mit diesem
Bewertungsverfahren wurden je nach Wirtgesteinsgruppe 2 – 5 potentielle
Standortgebiete als die günstigsten ihrer Art ermittelt. Dadurch
ergaben sich insgesamt 20 potentielle Standortgebiete, welche für
weitere Untersuchungen im Vordergrund stehen. Von diesen liegen 4 im
Faltenjura, 3 im Tafeljura und 13 in den Alpen. Die potentiellen
Lagerzonen in den 20 Standortgebieten verteilen sich auf 15 Kantone.
Zum Abschluss des 1. Bandes
wird das weitere Vorgehen umrissen. In einem nächsten Schritt müssen
zusätzliche Informationen zur Ergänzung der geologischen, bau- und
sicherheitstechnischen sowie der umweltspezifischen Dokumentation
beschafft werden, damit die Zahl der Standortgebiete der engeren Wahl
weiter eingeengt werden kann. Für eine beschränkte Zahl von
Standortgebieten werden dann den zuständigen Behörden Sondiergesuche
für Probebohrungen und Sondierstollen einzureichen sein.
Band II gibt für jedes der 20
Standortgebiete der engeren Wahl eine Beschreibung der topographischen
und geologischen Situation, wobei auf die Vorzüge und Nachteile jedes
Standortes hingewiesen wird. Es werden auch diejenigen Kenntnislücken
erwähnt, welche nur durch die Ergebnisse von Sondierkampagnen
geschlossen werden können.
Der vorliegende Bericht wurde in Zusammenarbeit folgender Mitarbeiter
und Berater der Nagra erarbeitet:
Kapitel 1 bis 6:
Herren Dr. R. Rometsch, H. Issler,
V. Egloff, A.L. Nold, Dr. Ch. McCombie
Kapitel 5 bis 9:
Die
ständigen geologischen Berater der Nagra, die Herren Prof. Dr. H.
Jäckli, Dr. R.H. Beck, Dr. T. Schneider sowie der Bereichsleiter
Geologie der Nagra Dr. M. Thury
Die Standortgebietsbeschreibungen (Band II) wurden von folgenden Geologenbüros erarbeitet:
Büro Dr. H. Jäckli AG, Zürich;
Büro Dr. T. Schneider, Uerikon;
Büro Dr. P. Kellerhals und Dr. Ch. Häfeli, Bern
Bureau J. Norbert, Lausanne
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