Die vorliegende Replik nimmt Bezug auf ein
Referat von Prof. Wolfgang Kromp, vorgetragen anlässlich der SES-Tagung
«Atommüll XY ungelöst» am 16. Juni 2009 in Zürich. Wolfgang Kromp ist
Leiter des Institutes für Risikoforschung an der Universität Wien. Die
vorliegenden Ausführungen stammen von Dr. Thomas Ernst, Vorsitzender
der Geschäftsleitung der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung
radioaktiver Abfälle (Nagra), der an der Tagung teilnahm und das
Referat kurz kommentieren durfte.
|
Die Entsorgung der radioaktiven Abfälle ist eine wichtige nationale Umweltschutzaufgabe der heutigen Zeit. Die Diskussion, wie die Abfälle langfristig sicher entsorgt werden können, ist nicht neu. Schon in den 70er Jahren wurden zahlreiche Varianten diskutiert, welche aufgrund der Forderung nach Langzeitsicherheit wieder verworfen wurden. Die geologische Tiefenlagerung in zentralen Lagern verblieb in der Folge als einzige Lösung, welche Sicherheit für lange Zeiträume gewährleistet. Sie ist heute international anerkannt und wird auch von der internationalen Atomenergiebehörde IAEA und den meisten Ländern, welche die Kernenergie nutzen, als beste Lösung eingestuft. Die vom Bund eingesetzte Expertengruppe Entsorgungskonzepte für radioaktive Abfälle (EKRA) kam im Jahr 2000 ebenfalls zur Schlussfolgerung, dass die geologische Tiefenlagerung die einzige Methode zur Entsorgung radioaktiver Abfälle ist, welche den Anforderungen der Langzeitsicherheit entspricht. Die geologische Tiefenlagerung wurde darauf im Schweizer Kernenergiegesetz verankert.
Das Modell der zahlreichen dezentralen Lager nahe an der Oberfläche, wie es von Professor Kromp gefordert wird, hält einer sorgfältigen Prüfung aus zwei Hauptgründen nicht stand: - Die Sicherheit von Lagern hängt nicht primär von der Grösse und damit von der Menge der Abfälle ab, sondern vielmehr von der Einbettung und vom Einschluss in stabilen geologischen Schichten. Die Aufteilung der Abfälle auf mehrere oberflächennahe Standorte erhöht weder die Sicherheit noch reduziert sie allfällige Auswirkungen.
- Konzepte, die Unterhalt durch den Menschen erfordern (Hütekonzepte), basieren generell auf dem langfristigen Vertrauen in die Stabilität der menschlichen Gesellschaft sowie der Umweltbedingungen an der Erdoberfläche. Sie widersprechen der Forderung der Nachhaltigkeit, weil allen künftigen Generationen eine unmittelbare Last im Lebensraum aufgebürdet wird. Die Geschichte der Menschheit hat gezeigt, dass immer wieder gesellschaftliche Krisen und Kriege auftraten. Diese Tatsache birgt das hohe Risiko, dass ein Hütekonzept die geforderte Sicherheit in der Zukunft nicht garantieren kann. Namentlich die mögliche Instabilität der Gesellschaft in der Zukunft anerkennt Professor Kromp selber.
Sofern das Konzept der dezentralen, oberflächennahen Lager umgesetzt würde, erhöhte sich das Risiko negativer Auswirkungen für künftige Generationen massiv. Ein geologisches Tiefenlager bietet hingegen auch dann Sicherheit, wenn sich die Gesellschaft nicht mehr um die Überwachung der Abfälle kümmern will oder kümmern kann. Es ist auf passive Sicherheit ausgelegt. Es kann aber auch, solange dies gewünscht wird, überwacht werden, womit die gesellschaftliche Forderung des Zugriffs auf die Abfälle für Generationen erfüllt wird.
Bundesrat Leuenberger hat anlässlich einer internationalen Entsorgungs-Tagung in Bern im Oktober 2007 denn auch betont, dass ein geologisches Tiefenlager ein «ökologischer Imperativ sei, der gebaut werden muss, der aber die Regeln der Nachhaltigkeit beachten muss». Das Konzept der geologischen Tiefenlagerung – so wie es die Schweiz umsetzt – erfüllt genau diese Forderung.