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Nagra informiert: Aktuelles zur nuklearen Entsorgung

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29.06.2016

Sondernummer zum Jubiläum 20 Jahre Felslabor Mont Terri

20 Jahre Forschung im Felslabor Mont Terri – Bilanz und Ausblick

Fridolin Wicki ist Direktor des Bundesamtes für Landestopografie swisstopo, der Betreiberin des Felslabors Mont Terri. Anlässlich der Feierlichkeiten zum 20-Jahr-Jubiläum des internationalen Felslabors würdigt er in einem Interview dessen Bedeutung für die sichere Entsorgung radioaktiver Abfälle in der Schweiz.

Herr Wicki, die swisstopo ist Betreiberin des Felslabors Mont Terri. Weshalb?
swisstopo als Kompetenzzentrum für Geodaten und als neutrale Bundesstelle betreibt das Felslabor Mont Terri. Dies geschieht auf Wunsch des Kantons Jura, der einen unabhängigen und fachkundigen Betreiber wollte. Bei swisstopo ist auch die Landesgeologie integriert, die das nötige fachliche Know-how hat, sich u.a. mit Fragen der geologischen Tiefenlagerung beschäftigt und andere Bundesstellen in geologischen Fragen berät.

Welche Bedeutung hat das internationale Felslabor?
Das Felslabor ist ein wichtiger Bestandteil im Nachweis der Langzeitsicherheit für geologische Tiefenlager, nicht nur für radioaktive Abfälle, sondern auch für eine mögliche CO2-Lagerung im Untergrund. Die Arbeiten im Mont Terri sind eine sehr wichtige Säule bei der detaillierten Charakterisierung des Gesteins und seiner physikalischen, bautechnischen und chemischen Eigenschaften. Seit 2011 durften wir bereits fast 20’000 Besucherinnen und Besucher im Mont Terri Besucherzentrum empfangen. Hier können sie sich alle eine eigene Meinung bilden. Dank dieser Transparenz hoffen wir, dass die Akzeptanz für geologische Tiefenlager in der Bevölkerung steigt.

Wie engagiert sich der Bund im Felslabor?
Im Felslabor sind das ASTRA und swisstopo integriert. Das ASTRA stellt den Zugang zum Felslabor durch den Sicherheitsstollen der Autobahn A16 sicher, inklusive der Sicherheitsinstallationen. swisstopo ist für den Betrieb und die Sicherheit des Felslabors verantwortlich, dies mit eigenem Personal und einem Betriebsbudget von rund CHF 0,5 Mio. pro Jahr. swisstopo reicht die jährlichen Forschungsgesuche bei der jurassischen Regierung ein und erhält nach erfolgter Prüfung durch die kantonale Überwachungskommission die Forschungsbewilligungen. Wir schaffen aber auch gute Forschungsbedingungen für unsere nationalen und internationalen Partner und führen selbst Experimente durch.

Welches sind die Highlights der 20-jährigen Geschichte?
Ein eher unspektakuläres, aber nicht minder wichtiges Highlight ist, dass Opalinuston radioaktive Abfälle über sehr lange Zeiträume einschliessen kann und damit die Biosphäre schützt. Viele Experimente haben diese Robustheit gezeigt. Ein weiteres Highlight: Diese Robustheit lässt sich auch auf die möglichen Standorte in der Nordschweiz übertragen. Der Entsorgungsnachweis der Nagra stützte sich wesentlich auf die Erkenntnisse aus dem Felslabor Mont Terri, und 2011 entschied der Bundesrat, dass der Opalinuston das einzige Wirtsgestein für hochaktive Abfälle in der Schweiz sein wird. Es gab aber auch glamouröse Ereignisse: So eröffnete Bundesrat Ueli Maurer 2011 das Mont Terri Besucherzentrum festlich, und Bundesrat Guy Parmelin würdigte die Forschungsarbeiten anlässlich des 20-Jahr-Jubiläums am 19. Mai 2016.

Wie sieht die Zukunft des Felslabors aus?
Bis jetzt wurden über 130 Experimente im Felslabor durchgeführt. Es hat schlicht keinen Platz mehr für neue Experimente. Deshalb planen wir zusammen mit den Forschungspartnern eine Erweiterung des Felslabors zwischen 2018 und 2020. Das Felslabor wird noch mindestens 20 weitere Jahre in Betrieb sein. Dies ist auch wichtig für Langzeitexperimente wie zum Beispiel das 1:1-Demonstrationsexperiment der Nagra.

Fridolin Wicki, Direktor des Bundesamtes für Landestopografie swisstopo.

 

«Heute forschen für sichere Tiefenlager von morgen»

Die Forschungsstätte kann von der Öffentlichkeit besichtigt werden: Jährlich besuchen rund 5000 Besucherinnen und Besucher das Westschweizer Felslabor und erleben spannende Führungen. (Foto Nagra) Olivier Leupin leitet das Forschungsprogramm der Nagra im Felslabor Mont Terri.

 

Dr. Olivier Leupin ist wissenschaftlicher Delegierter der Nagra und leitet deren Forschungsprogramm im Felslabor Mont Terri. Er ist dem Opalinuston auf der Spur. Sein Ziel ist, das Verhalten des Gesteins im Zusammenhang mit der geologischen Tiefenlagerung radioaktiver Abfälle möglichst gut kennen zu lernen. Die 20 Jahre Forschungsarbeit im Felslabor Mont Terri und der 2006 genehmigte Entsorgungsnachweis liefern dafür eine sehr gute Basis. Doch für Olivier Leupin ist das noch nicht genug.

Sie sind wissenschaftlicher Delegierter der Nagra im Felslabor Mont Terri – was ist Ihre Aufgabe?
Ich bin bei der Nagra im Bereich «Sicherheit, Geologie und radioaktive Materialien» tätig und befasse mich hauptsächlich mit den Eigenschaften und dem Verhalten von Materialien, die im Zusammenhang mit der geologischen Tiefenlagerung verwendet werden. Im Felslabor Mont Terri bin ich Ansprechperson im wissenschaftlichen Konsortium. Dieses umfasst die 16 Forschungspartner aus 8 Nationen. Hier geht es um die inhaltliche Koordination des Forschungsprogramms im Felslabor, inklusive der Finanzierung der Projekte. Am zweimal jährlich stattfindenden Steering Meeting mit den Forschungspartnern vertrete ich die Interessen der Nagra.

Welchen Stellenwert hat das Felslabor für die Nagra?
Einen sehr hohen Stellenwert! Die Langzeitsicherheit künftiger geologischer Tiefenlager steht in unmittelbarem Zusammenhang mit unseren Erkenntnissen aus dem Felslabor und bleibt bei unserer Arbeit immer im Vordergrund. Ziel ist, das Tiefenlagersystem zu optimieren und das Know-how weiter zu vertiefen. Basis bilden ausschliesslich harte wissenschaftliche Fakten und Erkenntnisse, die von mehreren Expertenteams geprüft und anerkannt werden müssen.

Welche Forschungsrichtungen decken Sie ab?
Die Realisierung eines Tiefenlagers erfordert die umfassende Planung aller wissenschaftlichen und technischen Arbeiten. Diese sind im Forschungs-, Entwicklungs- und Demonstrationssplan (Research, Development & Demonstration, RD&D) der Nagra festgehalten. Ich bin verantwortlich für die langfristige Entwicklung des Nahfeldes und der technischen Barrieren eines künftigen geologischen Tiefenlagers. Dabei betreue ich komplexe Projekte, die geochemische und mikrobielle Wechselwirkungen zwischen dem Gestein und Einbauten in geologischen Tiefenlagern untersuchen – z. B. zwischen Zement, Bentonit und Abfallmatrix.

Wie relevant ist das Felslabor für die Standortsuche geologischer Tiefenlager?
Der Bundesrat anerkannte 2006 den Entsorgungsnachweis der Nagra für hochaktive Abfälle. Er bestätigte damit, dass die Errichtung eines geologischen Tiefenlagers in der Schweiz grundsätzlich möglich ist. Das Felslabor Mont Terri spielte dabei eine herausragende Rolle beim Nachweis, dass der Opalinuston als Wirtgestein für ein Tiefenlager geeignet ist. Man lernte das Gestein kennen – insbesondere die höchst erstaunlichen Fähigkeiten hinsichtlich des Einschlusses von Stoffen über sehr lange Zeit und der Dichtheit gegenüber fliessendem Wasser. Erkenntnisse aus Versuchen im Felslabor können teilweise 1:1 auf einen konkreten Tiefenlagerstandort übertragen werden.


Versteinerung im Opalinuston des Felslabors Mont Terri (rund 175 Millionen Jahre alt). Der Name Opalinuston leitet sich ab von einem speziellen Ammoniten, dem Leioceras opalinum, dessen Schale aus Aragonit besteht und im Gegenlicht bläulich («opalisierend») schimmert. (Foto: © Comet Photoshopping, Dieter Enz)

 

Facts zum Felslabor Mont Terri

Das Felslabor Mont Terri liegt nördlich von St-Ursanne im Kanton Jura. Es befindet sich rund 300 Meter tief unter der Erdoberfläche und ist über den Sicherheitsstollen des Mont-Terri-Autobahntunnels erreichbar. Die Laborstollen in der Opalinustonschicht sind insgesamt 600 Meter lang.

Nachdem die ersten Experimente im Jahr 1996 in acht kleinen Nischen entlang des Sicherheitsstollens durchgeführt worden waren, wurde 1998 ein separater Forschungsstollen ausgebrochen, der 2004, 2008 und 2012 erweitert wurde. Aktuell ist zwischen 2018 und 2020 eine erneute Erweiterung des Felslabors geplant. Über 40 neue Forschungsprojekte sind in Prüfung und Bearbeitung. Neben Experimenten zur geologischen Tiefenlagerung radioaktiver Abfälle sind auch solche zu Geothermie und zur Lagerung von CO2 geplant. Das Felslabor dient ausschliesslich Forschungszwecken; die Lagerung von radioaktiven Abfällen ist explizit ausgeschlossen.


Bundesrat Parmelin im Felslabor: «Für kommende Generationen darf keine Gefahr bestehen.»

Bundesrat Guy Parmelin (rechts) zusammen mit Marc Thury, dem ehemaligen Chefgeologen der Nagra sowie geistigen Vater und Begründer des Felslabors Mont Terri. (Fotos AMOI Sàrl)   Regierungsrat Markus Kägi, Baudirektor Kanton Zürich und Vorsitzender im Ausschuss der Kantone, erinnerte daran, dass Forschung und wissenschaftliche Erkenntnisse die Basis für die Sicherheit eines Tiefenlagerstandortes bilden. Eine Basis, die heute im Mont Terri vertieft wird.

 Grosses Fest im und um das Felslabor Mont Terri am 19. Mai 2016: An diesem Tag lud die Betreiberin swisstopo zum offiziellen Festakt anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Felslabors. Bundesrat Guy Parmelin zeigte sich vor Ort beeindruckt von der Qualität und der Vielfalt der Forschungsprojekte. Zusammen mit ihm erlebten über 100 geladene Gäste und einige Medienschaffende einen spannenden Tag im Kreis der 16 internationalen Forschungspartner.

Trotz des kühlen Wetters fanden am 19. Mai 2016 rund 120 Personen den Weg nach St-Ursanne. Am offiziellen Festakt zum 20-Jahr-Jubiläum des Felslabors Mont Terri traf Bundesrat Guy Parmelin (Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS) viele Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Politik. Alle würdigten das Labor als eine der weltweit führenden Institutionen für die Erforschung von Tongesteinen. Bundesrat Parmelin betonte in seiner Festansprache die Wichtigkeit des Felslabors für den Bund in der Frage der Entsorgung radioaktiver Abfälle in der Schweiz. Für die Sicherheit und für den Bau von geologischen Tiefenlagern in Tongesteinen spiele das Felslabor im jurassischen St-Ursanne für die Schweiz und andere Nationen eine zentrale Rolle, führte er aus. «Für die kommenden Generationen darf keine Gefahr bestehen. Wir wollen unseren Nachkommen keine schweren Hypotheken hinterlassen. Nachhaltiges Handeln ist gefragt.» Auf einem Rundgang durch das Labor liess sich Bundesrat Parmelin die wichtigsten Experimente von Paul Bossart, dem Direktor des Felslabors Mont Terri, ausführlich erklären.

Bundesrat Guy Parmelin sowie David Eray, Regierungsrat und Vorsteher des Umweltdepartementes des Kantons Jura (Mitte), zusammen mit David Jaeggi, wissenschaftlicher Mitarbeiter der swisstopo, im Stollen des Felslabors.

 

Vor dem Stollen des Heizversuchs FE (Full-Scale Emplacement Experiment): Bundesrat Parmelin mit dem jurassischen Regierungsrat David Eray (links) und Thomas Ernst, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Nagra (rechts).

 

Der «Star» des Rundgangs im Mont Terri war auch am 19. Mai der Opalinuston, der in zahlreichen Experimenten untersucht wird. Bundesrat Parmelin und Corina Eichenberger, Nationalrätin des Kantons Aargau und Präsidentin des Verwaltungsrates der Nagra, betrachten einen Bohrkern des Gesteins.

 

Freundlicher Empfang: Ueli Müller und Peter Plüss (im Vordergrund), die Co-Präsidenten der Regionalkonferenz Jura-Ost, sind gerade eingetroffen.

 

Ein Besuch des Felslabors lohnt sich

Alle Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz sind herzlich eingeladen, jederzeit persönlich einen Augenschein im Felslabor zu nehmen und die spannenden Forschungsprojekte in St-Ursanne zu besuchen.

Anmeldungen für die kostenlosen Führungen können an die Nagra gerichtet werden (Renate Spitznagel, Telefon 056 437 12 82).


Seismische Messungen auch in Nördlich Lägern geplant 

Die Nagra bereitet Feldarbeiten für Nördlich Lägern vor. Dazu gehören seismische 3D-Messungen ab Oktober 2016 – wie bereits in Jura Ost und Zürich Nordost. Hintergrund ist die Diskussion, ob das sehr tief im Untergrund liegende Standortgebiet Nördlich Lägern in Etappe 3 weiter untersucht werden soll. Die Nagra hat im Januar 2015 vorgeschlagen, das Standortgebiet Nördlich Lägern zurückzustellen. Im Herbst 2015 veröffentlichte das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI Nachforderungen zum Indikator «Tiefenlage im Hinblick auf bautechnische Machbarkeit». Diese Nachforderungen betreffen die Frage der sicherheitstechnischen Optimierung der Tiefenlage und damit einen allfälligen Weiterzug von Nördlich Lägern. Kantonale Experten forderten im Februar 2016 eine weitere Untersuchung von Nördlich Lägern.

Ein geologisches Tiefenlager kann zwar auch in 900 Metern Tiefe sicher gebaut werden. Aus Sicht der Nagra hat diese grössere Tiefenlage im Vergleich zu 700 Metern sicherheitstechnische Nachteile, und daher sollte Nördlich Lägern zurückgestellt werden. Um trotzdem für alle Fälle gerüstet zu sein und allfällige Verzögerungen zu vermeiden, hat die Nagra entschieden, mit Feldarbeiten im Gebiet Nördlich Lägern zu beginnen. Wenn der Bundesrat 2018 nach der Überprüfung der Gesamtdokumentation zum Schluss kommen sollte, Nördlich Lägern weiter zu untersuchen, würden sonst Verzögerungen von drei Jahren resultieren.

Zusätzlich zu diesen seismischen Messungen werden im Winter 2016/17 rund sieben Gesuche für Tiefbohrungen eingereicht. Die Bohrungen würden aber erst nach dem Bundesratsentscheid ab 2019 ausgeführt.

Auch das Gebiet Nördlich Lägern wird ab Oktober 2016 seismisch vermessen –
analog zu Jura Ost (2015/16) und Zürich Nordost (2016). Das zu vermessende
Gebiet umfasst eine Fläche von rund 90 km2. (Foto: © Comet Photoshopping, Dieter Enz)

 

Um den Untergrund genauer zu erkunden, werden Tiefbohrungen in Auftrag gegeben. (Foto: Ernst Müller)

 


Neue Ausstellung mit einer Zeitreise zum Tiefenlager – und ein neuer Blog

Die neue Nagra-Ausstellung löst bei Jung und Alt grosses Interesse aus. Sie wird an zahlreichen Gewerbeausstellungen gezeigt – in Form einer virtuellen Zeitreise in ein geologisches Tiefenlager in 3D.

 

Mit den Oculus-Brillen taucht man in eine virtuelle Welt ein (Bild oben).
An spannenden Exponaten lassen sich viele Facts zu Erdbeben, Gletschern, Seismik, Oberflächenanlagen und Gesteinen entdecken (Bild unten). (Fotos: Andre Urech)

 

Die neue Nagra-Ausstellung ist eine virtuelle Zeitreise in die Zukunft. Mittels 3D-Technologie können die Besucher unseres Messestandes bereits heute Anlagen zur Entsorgung radioaktiver Abfälle besuchen. Mit interaktiven Exponaten werden zusätzlich die Themen Gesteine, Erdbeben, Gletschererosion, Oberflächenanlagen und seismische Untersuchungen abgedeckt.

Im Blog geht es auch um den Dialog mit interessierten Leserinnen und Lesern. Wir freuen uns über Ihre Kommentare, Fragen und Hinweise, die Sie beim jeweiligen Beitrag posten können.

 

Anfang 2016 ging der neue Nagra-Blog unter dem Titel «Menschen. Hintergründe. Wissenschaft(en)» online – mit Einblicken in die Arbeitswelt der Nagra. Mitarbeitende schreiben die Beiträge zu Themen wie Feldarbeiten, Forschung, Ausstellungen und Schulen. Mehr Infos unter www.nagra-blog.ch

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